gesellschaft

Medienstudie: Wirtschaftsjournalismus hat in der Finanzkrise versagt und wurde seiner Verantwortung als "Frühwarnsystem" nicht gerecht
(nf/red/09.03.10) Haben die so genannten Leitmedien in Deutschland bei der Berichterstattung über die Finanzkrise versagt? Diesen Schluss legt eine Studie nahe, die von der gewerkschaftsnahen Otto Brenner Stiftung gefördert wurde. Scharfe Kritik üben die Autoren am tagesaktuellen Wirtschaftsjournalismus. Dieser habe Dimension, Risiken und Zusammenhänge der aufkommenden Krise allenfalls vereinzelt aufgezeigt und sei insgesamt seiner Verantwortung als "Frühwarnsystem" in keiner Weise gerecht geworden. Für die Zukunft müssten daraus Konsequenzen gezogen werden, so das Fazit der Untersuchung "Wirtschaftsjournalismus in der Krise".

Originaltext der Otto Brenner Stiftung:


+++ (...) Die globale Finanzmarktkrise war in den vergangenen Jahren die größte Herausforderung für Politik und Wirtschaft. Und für die Öffentlichkeit war sie ohne Zweifel das wichtigste Thema. In der Diskussion über die Ursachen für das Desaster, das die Weltwirtschaft in den Abgrund zu reißen drohte, spielt auch die Frage nach der Verantwortung der Massenmedien eine Rolle. Und die Debatte über die Schlußfolgerungen, die aus der Krise zu ziehen sind, hat besonders die Qualität des Wirtschaftsjournalismus ins Blickfeld einer breiteren Öffentlichkeit gerückt. Gefragt wird, ob er seine Funktionen, Informationen sachlich und kompetent aufzuarbeiten und verantwortlich Orientierung zu geben, vor und während der Krise erfüllt hat? Zugespitzt: Hat der Wirtschaftsjournalismus die Herausforderungen, vor denen er sich gestellt sah und immer noch sieht, bestanden oder nicht?

Den Massenmedien wird vor allem die Aufgabe zugeschrieben, gesellschaftliche, politische und ökonomische Entwicklungen kritisch zu beobachten, nüchtern zu berichten und kompetent zu analysieren. Sie sollen zudem als eine Art Frühwarnsystem auf gravierende Probleme aufmerksam machen. Und schließlich wollen sie als quasi „Vierte Gewalt“ bei wichtigen gesellschaftspolitischen Auseinandersetzungen eine besondere Rolle spielen. (...) Haben sie auch vor dem tatsächlich drohenden Ruin des globalen Finanzsystems mit seinen verheerenden Folgen beispielsweise für die kommenden Generationen gewarnt? Kompetenz, Kritik, Kontrolle: Die OBS-Studie fragt, ob diese Aufgaben der Medien bei der Berichterstattung über die Finanzmarktkrise erfüllt wurden.

Die Autoren Hans-Jürgen Arlt und Wolfgang Storz stellen dem Wirtschaftsjournalismus – unterm Strich – kein gutes Zeugnis aus. „Der tagesaktuelle deutsche Wirtschaftsjournalismus hat als Beobachter, Berichterstatter und Kommentator des Finanzmarktes und der Finanzmarktpolitik bis zum offenen Ausbruch der globalen Finanzmarktkrise schlecht gearbeitet“, resümieren sie. Mit dieser Studie wird aber nicht nur das in vielen Fällen eklatante journalistische Versagen schonungslos offen gelegt. Den Autoren gelingt es, auf der Basis einer breiten empirischen Analyse viele brisante Fragen aufzuwerfen, die weit über den untersuchten Gegenstand hinaus von grundsätzlicher Bedeutung sind.

Wenn Wirtschaft und Politik ihre Kontrollaufgaben vernachlässigen und strammen Schrittes in die Krise marschieren, was kann der Journalismus dann noch dagegen tun? Der politische Journalismus hat im Zweifel den Braintrust einer kritischen Politikwissenschaft im Gepäck. Die einäugigen und auf einen engen neoliberalen Mainstream reduzierten Wirtschaftswissenschaften – es gibt rühmliche Ausnahmen, aber es sind eben Ausnahmen – haben den Wirtschaftsjournalismus im Stich gelassen. Was konnte er unter solchen Voraussetzungen überhaupt leisten? Und: Wenn schon für die Meinungsbildung wichtige Formate (wie Sendungen von ARD aktuell) und relevante Nachrichtenagenturen (wie DPA) schlecht arbeiten – so ein zentraler Befund der OBS-Studie – und die überregionalen Qualitätsmedien nur sehr langsam zu einer anspruchsvolleren Berichterstattung gefunden haben, wie düster musses dann erst in der übrigen Medienlandschaft aussehen? Schließlich: Was von dem, das einige Journalisten immerhin kritisch aufgearbeitet und als Warnung publiziert haben, hat das Publikum überhaupt ernst oder auch nur zur Kenntnis genommen?

Fest steht, die Qualität der öffentlichen Kommunikation hat direkte Auswirkungen auf die Qualität der Politik und die Qualität unserer Demokratie. Ob und wie der Journalismus ein Thema aufgreift, entscheidet mit darüber, welche Probleme in unserer Gesellschaft überhaupt wahrgenommen und von der Politik angenommen werden. Die ökonomischen Risiken, die von den Finanzmärkten ausgehen, die Verletzungen von Anstand und Moral im Spekulationsgeschäft hat unsere Gesellschaft auch deshalb zu lange nicht ernst genommen, hat die Politik auch deshalb zu lange gefördert statt eingedämmt, weil viel zu viele Journalisten nicht genau genug hingeschaut haben.

Die OBS-Studie unterstreicht, dass nicht nur in Bankerkreisen die Reflexion über Fehlverhalten, Irrtümer und Manipulationen bisher vertagt worden ist. Auch im Journalismus droht die Gefahr, dass einfach weitergemacht wird wie bisher: das eigene Handeln wird nicht selbstkritisch befragt, Mitverantwortung wird geleugnet, die notwendigen Schlussfolgerungen werden nicht gezogen.

Aber es reicht auch nicht aus, mit dem Finger auf „den“ Journalismus zu zeigen, sein Fehlverhalten zu analysieren, seine Verantwortung anzumahnen und auf seine Selbstheilungskräfte zu setzen. Ebenso ist zu fragen, ob „der“ Journalismus in der Breite über die Arbeitsbedingungen verfügt, die es ihm erst erlauben, solide zu recherchieren, furchtlos zu schreiben und damit seine Arbeit auch gut machen zu können. Die Autoren plädieren – als ein weiteres Ergebnis ihrer Arbeit und als eine notwendige Konsequenz ihrer materialreichen Studie – für eine neue öffentliche Debatte über die Produktionsbedingungen im Journalismus. (...) +++

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